Psychoblog – Interview Selbstwertgefuehl und Liebesglueck

Stefanie Stahl im Interview: „Selbstwertgefühl und Liebesglück. Wie hängt das zusammen?“

27.07.2021

Das Interview mit der Psychologin und Psychotherapeutin Stefanie Stahl erschien in einer leicht gekürzten Fassung im Mai 2021 in der Zeitschrift „freundin“

Jeder ist beziehungsfähig“ heißt einer deiner Ratgeber. Das ist vor allem ein Mutmacher, oder?

Ich glaube das wirklich! Natürlich gibt es in Einzelfällen Menschen, die nahe Liebesbeziehungen nicht beziehungsweise nur sehr eingeschränkt gestalten können. Diese Menschen haben entweder so massive psychische Traumata erlitten, dass ihr Vertrauen in andere Menschen zerstört ist, und/oder ihnen fehlen, zum Teil auch genetisch bedingt, Fähigkeiten wie zum Beispiel Einfühlungsvermögen, die für die Liebe wichtig sind. Aber die meisten Männer und Frauen, die mit ihrem Liebesleben so rumwurschteln, die immer wieder verlassen werden oder eine Beziehung nach der anderen abbrechen, könnten deutlich beziehungsfähiger sein. Die Sehnsucht ist bei den meisten da. Aber vielen macht mangelndes Selbstwertgefühl einen Strich durchs Liebesglück.

Wie hängen Selbstwertgefühl und Liebesglück zusammen?

Ein schlechtes Selbstwertgefühl hat immer Auswirkungen auf unsere Bindungen. Wenn ich mich als unwichtig, uninteressant oder unattraktiv wahrnehme, fällt es mir schwer zu glauben, dass mein Gegenüber mich spannend und anziehend findet. Oder ich glaube, dass der- oder diejenige nur noch nicht gemerkt hat, dass ich die Aufmerksamkeit gar nicht verdiene. Es gibt kein Fremdvertrauen ohne Selbstvertrauen. Das ist nicht nur am Beziehungsanfang ein Problem. Starke Selbstzweifel bremsen uns auch in einer bestehenden Liebesbeziehung. Sie können dazu führen, dass man sich seinem Partner konstant unterlegen fühlt. Sie können zu großen Verlustängsten und Eifersucht führen, weil man ja annimmt, diese Beziehung eigentlich nicht verdient zu haben und jederzeit verlieren zu können.

Wie hilfst du solchen Paaren?

Durch Selbstreflexion. Wir gucken, welche frühen Kindheitsprägungen und welche negativen Glaubenssätze die Partner verinnerlicht haben, wir reflektieren, wie sie das als Erwachsene und in ihrer Dynamik als Paar beeinflusst. Oft kämpfen solche Paare mit unterschiedlichen Nähe- und Distanzwünschen. Bei vielen meiner Klienten führen starke Selbstzweifel auch zu großen Autonomie-Bestrebungen. Diese Dauer-Distanziertheit ist für die Partner sehr leidvoll.

Wie können Paare einfach und effektiv ihre Beziehung stärken?

Ich habe einen Tipp, der Einfluss auf die Haltung zum Partner hat. Jeder sollte sich klarmachen: Liebe ist auch eine Frage der Entscheidung. Viele Menschen zweifeln auch in langen Beziehungen daran, ob ihr Partner oder ihre Partnerin wirklich zu ihnen passt. Ich empfehle diesen Menschen – oft sind sie unsicher und bindungsscheu – sich einfach mal einen Monat ganz bewusst für ihren Partner zu entscheiden. Sie sollen sich selbst sagen: „Das ist der Richtige oder das ist die Richtige! Wir zwei gehören zusammen!“ Viele machen die Erfahrung, dass diese Entscheidung ihre innere Einstellung verändert, sie deshalb mehr in die Beziehung investieren und man sich als Paar näherkommt.

Erkennst du manchmal auf den ersten Blick, dass ein Paar eigentlich keine Chance mehr auf eine Annäherung hat?

Ja, und zwar dann, wenn einer der Partner dermaßen ablehnend ist, dass es überhaupt keinen Ansatz zur Selbstreflexion gibt. Bei waschechten Narzissten ist immer der Partner schuld. Da vollbringe ich als Therapeutin keine gute Tat, wenn dieses Paar zusammenbleibt.

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